Photoreales Dummschwätzen

Ja! Die Rettung! Endlich! Photorealistische Grafik ist der Heilsbringer der kommenden Jahre für die Videospiele. Endlich Emotionen wie in Filmen und Innovationen ohne Ende. Bla bla blaaa...
Wenn ich noch mehr von dieser Grütze, von 2K Games' Boss Christoph Hartmann höre, dann breche ich noch aus allen Körperöffnungen. Wie kann man nur die Geschehnisse der letzten Jahre so missachten und solch eine sinnesentleerte Aussage treffen, wie es der Publisher von kommenden Spiele wie Borderlands 2 und BioShock Infinite tat?

Es gibt so viele Gründe und Gegenbeispiele warum seine Ansicht mehr als nur falsch ist. Einige möchte ich hier ausführen. Womit fangen wir also am besten an...?
Wie wäre es mit den Kosten? Schon in dieser Generation sind aufgrund der Kostenexplosion, hervorgerufen durch HD-Grafiken, gut 120 Studios vor die Hunde gegangen, da die Verkaufszahlen ihrer Spiele die Kosten nicht mehr decken konnten. Und wenn man jetzt auf Photorealismus geht, sieht das Ganze abermals schlimmer aus. Man hat ja jetzt schon 300 und mehr Menschen an einem AAA-Spiel sitzen und verursacht somit Produktionskosten von 100 Millionen US-Dollar. Einige Spiele verursachen sogar noch mehr Kosten und sind somit auf Augenhöhe mit großen Film-Blockbustern.
Doch haben die heutigen AAA-Spiele eine große Innovation mit sich gebracht? Mit nichten, wenn ich an die großen IPs denke, die man heutzutage hat. Alle verfügen über Cutscenes, actionreiche Inszenierung und teils jetzt schon großartige Vermittlung von Gefühlen, aber neue Innovationen kamen nicht heraus. Diese kam doch gerade von den Nischenspielen und der Indie-Szene, die sich durch das geringe Budget nicht aus "lebensechte Grafik" sondern auf neuen Ideen fokussieren musste. Gerade die Indie-Entwickler konnten mit genialem Gameplay überzeugen und der Erfolg von Spielen wie Minecraft gab Ihnen Recht. Man konzentrierte sich mehr auf die Mechaniken im Spiel, auf neue Konzepte, statt auf die Art der Präsentation.

Es würden keine Innovationen hervorgerufen, man würde sich sondern immer mehr auf die Grafik konzentrieren und hätte immer weniger Entwickler zur Verfügung, die an Gameplay oder anderen Dingen wie künstlicher Intelligenz arbeiten könnten, ohne dass die Kosten durch die Decke gehen. Das Risiko ist hoch, weshalb sich Entwickler und Publisher bei der bekannten Formel innerhalb eines Franchise verharren und es so zur Stagnation kommt, wie schon seit Jahren zu sehen ist. Zudem: Müssen plötzliche alle Spiele wie Filme sein!? Ich kann mich noch erinnern an eine Zeit, da waren Spiele einfach nur Spiele und machten ihr eigenes Ding. Man scheißte auf Hollywood und bot dem Käufer, dem Spieler, eine interaktive Erfahrung und verpasste den "Cutscene-Ornanierern" und "Popcorn-Gamern" keinen Steifen.

Ich möchte nicht sagen, dass es filmartige Spiele nicht geben sollte, da eine breit gefächerte Auswahl an verschiedenen Genres gut ist; Die Grafik kann noch so gut sein wie sie will, um Gesichtsausdrücke realistisch darzustellen: Wenn die Story es nicht reißt zieht es niemanden mit. Dargestellte Emotionen bringen rein gar nichts, wenn man den Charakteren ihr Denken und Handeln nicht abkauft. Wenn es doch anders wäre, gäb es schon heute keine Bücher mehr zu kaufen. Komischerweise schaffen es tolle Bücher immer noch ihre Leser anzusprechen. Sie regen die Vorstellungskraft an und vermitteln somit Emotionen ohne auch nur ein Bild im Buch abzudrucken. Storytelling ist alles, da braucht es keinen Realismus. Eine Tatsache die Pixar schon seit ihren Anfangstagen verstanden hat. Keiner ihrer Filme ist in irgendeiner Weise realistisch zu betrachten und dennoch schaffen sie es Emotionen grandios zu vermitteln. Filme wie Toy Story 3 oder Oben sind perfekte Beispiele. Gleiches gilt auch für Zeichentrick bzw. Animes. Ein König der Löwen oder ein Ghibli-Film wie Die letzten Glühwürmchen, den ich erst vor kurzem sah, berühren einen immens und all das, durch eine geniale Story. Und vielleicht hat auch der Stil, den diese Klassiker besitzen dies nochmals untermauert bzw. erst möglich gemacht.

Denn wenn etwas so realistisch wird, dass es schon FAST echt wirkt, wird es zugleich auch unmenschlich und hat eine abschreckende Wirkung auf den Menschen. Dieses Phänomen, gennant Uncanny Valley könnt bei Photorealismus auftreten und somit genau das Gegenteil von dem bewirken, was man erreichen wollte. Schon seit Tagen des NES konnten Spiele dank gutem Art-Design, Storytelling und Musik Emotionen vermitteln und packende Atmosphäre verspüren lassen. Wozu also dann Photorealismus? Genau, nur um seinen Arsch als Entwickler/Publisher nicht bewegen zu müssen, sodass die treudoofe Kundschaft alle Jahre wieder die selbe Grütze nur in schöner kauft. Das bringt der Videospielindustrie nen feuchten Dreck und führt eher den Niedergang selbiger hervor. Ganz schlau gedacht Mr. Hartmann.

Beispiel zum Uncanny Valley

[Anmerkung von Dane: Wenn Videospiele Emotionen rüberbringen sollen denke ich eher dass die verantwortlichen Personen sich um professionelle Storywriter bemühen sollten, statt die Produktionskosten durch dauerhafte Grafikupdates anzuheben. Wir haben ja gesehen, wo es hinführt wenn sich jemand anders das Storywriting krallt. Nicht wahr, Sakamoto-san? ]

Kommentare:

Tobias hat gesagt…

Nun, der Uncanny Valley Effekt wird bei Photorealismus nicht mehr auftauchen, da man ihn an diesem Punkt ja gerade überwunden hat. Die Frage ist eher, ob wir uns momentan am Uncanny Valley befinden oder ob er erst noch bevorsteht. Zu der Sache mit dem Geld muss man sagen, es ist möglich dass es mehr kostet, aber wenn es sich rechnet, wird es auch jemand machen, wenn abzusehen ist, dass man damit nur Verlust machen wird, wird man es beleiben lassen.
Photorealismus ist nicht das Heil aller Mittel, aber er wird zwangsläufig mit steigender Rechenkapazität kommen. Nicht jedes Spiel wird davon profitieren, bei einem Mario braucht man kein Photorealisus, auch nicht bei einem Call of Duty oder Battlefield, Aber nehmen wir z.B. Spiele wie LA Noire. Bei denen durch die dargestellten Emotionen der Figuren der Spieler erkennen muss, ob die Figur lügt oder nicht. Bei so einem Spielprinzip ist Photorealismus wesentlich hilfreicher. Photorealistische Videospiele müssen auch nicht wie Filme ablaufen, es geht darum, Emotionen in Videospielen so darstellen zu können, wie es Schauschpieler im Film tun.

Tobias hat gesagt…

Noch ein kleiner Nachrag: Ein Spiel wie Bioshock Infinite (weil du es oben erwähnst), könnte meiner Meinung nach stark vom Photorealsimus profitieren. Dabei geht es nicht um die Darstellung der Gewalt, sondern die Figur Elizabeth könnte durch Photorealisums noch glaubwürdiger ausfallen und es würde dem Spieler viel leicher fallen, eine emotionale Bindung zu ihr aufzubauen. Wenn man das Storytelling in Videospielen weitereintwickel möchte, wird man um den Photorealimus nicht herum kommen, zumindest nicht was Gesichtsanimationen angeht.

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